Diese Arbeit ist meinem Großvater Alexander Medwedeff (
) gewidmet, nach dem ich benannt worden bin.
In den nachfolgenden Texten ist die Geschichte meiner Familie so beschrieben, wie ich sie bisher von Verwandten oder aus
Archiven erfahren konnte. Wer weitere Informationen oder Richtigstellungen dazu hat, wäre ich um eine Konaktaufnahme unter
alix@carto.net sehr dankbar.
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Alexander Medwedeff wurde am 30.September 1904 in Alytus in Litauen geboren und war der Nachkomme von russischen Emigranten nach Litauen, war aber selber nie in der Sowjektunion gewesen. Alexanders Vater hieß Flor, seine Mutter hiess mit Mädchennamen Emma Wanagat und war von der Abstammung Deutsche. Er hatte in Kaunas Jus studiert und war später nach Südlitauen in den Raum Marijampole umgesiedelt. Dort lernte er meine Grossmutter Lydia Heidrich kennen.
Lydia Heidrich, wurde am 28.November 1913 in Suvalki geboren. Die Familie meiner Grossmutter war immer schon deutschstämmig,
doch schon seit Jahrhunderten in Litauen ansässig. Ihr Vater war Gutsverwalter in Marijampole.
Ihr Vater, Karl Heidrich, geboren 1.April 1870 in Nowodelen, gestorben 12.September 1936 in Marijampole, war zweimal
verheiratet. Lydia war ein Kind aus der zweiten Ehe mit Hedwig-Oktavia Sneikus, geboren am 19.November 1878 in Virbalis
(
). Er
brachte aber schon vier Kinder in die Ehe mit (die erste Ehefrau Klara starb ): Gregor, Walfried, Erich und Vera. Mit Hedwig hatte
Karl zwei Kinder: Lydia und Bruno.
Lydia und Alexander heirateten am 11.August 1935 in Marijampole in der griechisch-katholischen Kirche
(
). Lydia bekam am
12.April 1936 ihren ersten Sohn Klaus (damals Nikolai) in Marijampole. Der zweite Sohn, Wladimir, wurde am 1.August 1939 in
Kalvarija geboren.
Alexander fiel den " Stalinistischen Säuberungsaktionen " zum Opfer : er wurde am 30.Juli 1940 vom Volkskomittee für innere Angelegenheiten wegen konterrevolutionärer Tätigkeit verhaftet. Schon in Kaunas war er Mitglied einer Organisation von jungen Russen gewesen, den sogenannten "Jaunarusiu (Junge Russen)". Diese Gruppe von russischen Emigranten bauten einen Informationsdienst von Emigranten für Emigranten in Litauen auf und beschäftigten sich vor allem mit politischen Themen. In Zusammenarbeit mit Emigranten in Paris bereiteten sie - laut den Anschuldigungen des KGB - einen aktiven Kampf mit dem Ziel der Widerherstellung der Monarchie gegen die Sowjetunion vor.
Zuerst war Alexander im Schwerarbeitergefängnis in Kaunas. Dort wurde er verhört, wahrscheinlich auch gefoltert, bis er seine Schuld zugab. Ich war selbst mit meinem Vater im KGB-Archiv und habe mir die alten Originaldokumente angesehen. Es gibt seitenweise Verhöre, abwechselnd auf Litauisch und Russisch. Jede einzelne Seite von Alexander selbst unterschrieben. Der Fall ist relativ dünn. Dies anscheinend deshalb, weil Alexander relativ schnell nach Sibirien abgeschoben wurde. Über andere Bürger von Litauen existieren Bücherweise Dokumente, da sie jahrelang vom KGB überwacht worden sind.
Ohne sein Beisein wurde Alexander am 23.April 1941 in einem Moskauer Urteilsspruch zu 8 Jahren Sibirien (Lager Vorkuta, Pechora, nördlich des Polarkreises) verurteilt . Es wurde berichtet, daß Alexander Medwedeff in der Region Archangelsk (am Weißen Meer, nahe des Polarkreises) ums Leben gekommen ist. Seine Nichte Tatjana Kudriavceff berichtete mir von einer Nachricht von Alexander aus dem Jahr 1950, die er aus einem Krankenkaus in Komi gesendet hat. Es war nur ein Teil eines Schmierzettels, eilig abgerissen. Darauf stand nur eine kurze Nachricht. Anscheinend hatte er vorher nie Kontakt mit seiner Familie aufnehmen dürfen und es vom Krankenhaus auch nur durch Zufall geschafft. Dies war das letzte Lebenszeichen von ihm.
Lydia gab in den frühen 90er Jahren eine Suchanzeige in einer spezielle Suchzeitung in Litauen auf. Es meldete sich ein Lagergenosse von Alexander, der heute leider auch schon verstorben ist, und bestätigte seinen Tod. Die Unterlagen von dieser Suche sind leider derzeit nicht auffindbar.
Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden die Deutsch-Stämmigen nach Deutschland ausgesiedelt und dort eingebürgert. Laut Lydia war die Okkupation durch die Russen vile schlimmer als die Aussiedelung nach Deutschland. So nahm (fast) jeder deutschstämmige die Gelegenheit wahr und siedelte aus.
Nach der Verschleppung von Alexander kam sie so gemeinsam mit ihren beiden Kindern, ihrer Mutter und einigen andern ab dem Frühjahr 1941 in ein Lager in Grotniki (Polen unter deutscher Verwaltung). Im Herbst/Winter desselben Jahres wurden sie alle nach Werningerode (Deutschland) verlegt. Dort lernte Lydia Leonid Oschmiansky kennen, heiratete ihn uns zog mit ihm nach Oker. Mit ihm hatte sie zwei Kinder: Edgar, geboren 1944, und Dagmar, geboren 1950. Sie trennte sich aber später wieder von ihm und heiratete Erich Pätz. Lydia Pätz starb am 31.August 1995 in Oker.
Alexander hatte eine Schwester mit Namen Olga, die einige Jahre älter war als er. Olga lernte in Marijampole
Georg Kudriawceff (litauisch: Kudrevcevas) kennen und heiratete ihn später
(
). Georg war
Russischlehrer an der Schule in Marijampole. Sie hatten gemeinsam eine Tochter, Tatjana
(
), geboren am
6.November 1930. Olga starb 1941 bei einem der ersten Bombenangriffe in Marijampole. Tatjana und ihr Vater waren in Kyrbati gewesen,
als sie wieder nach Hause kamen, fanden sie ihr Haus in Schutt und Asche vor und Olga tot. Georg heiratete wieder und lebte
bis zu seinem Tod (wahrscheinlich um 1970) in Marijampole. Alexanders und Olgas Mutter siedelte gemeinsam mit Lydia und ihrer
Familie 1941 nach Deutschland aus. Laut Tatjana kehrte sie jedoch 1945 wieder nach Litauen zurück, wo sie 1949 starb.
Tatjana lebt heute in Vilnius, wo wir sie im Frühjahr 2000 bei unserer
Reise nach Litauen auch getroffen haben (
).
Bruno (
),
geboren am 10.September 1916 in Parausen (Litauen), der jüngste der Geschwister, ist der einzige, der im Krieg fiel.
Es gibt Bilddokumente von ihm vom Rußlandfeldzug (er kämpfte auf der Seite der Deutschen) und Briefe von Urlauben in Litauen.
Erich (
),
geboren am 17.Jänner 1907, war der einzige der Geschwister, der Litauen Anfang der 40er Jahre nicht verlassen wollte.
Er wurde 1946 zu 10 Jahren Haft in Sibirien verurteilt und kehrte 1956 wieder nach Kaunas heim. 1957 heiratete er Brone
und hatte mir ihr zwei Söhne, die wir im Frühjahr 2000 in Litauen besucht haben. Vor allem Vydas war
mir in der Suche nach Unterlagen über Alexander Medwedeff behilflich und verbrachte deswegen viele Stunden im Archiv.
Ausserdem war es die Familie von Erich, die immer einigermassen Kontakt mit allen "ausgewanderten" Familienmitgliedern hielten
und mir so die Suche nach diesen wesentlich erleichterten.
2003 haben wir Vydas wieder getroffen, diesmal in Salzburg
in Österreich.
Walfried (
)
war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Ehefrau hatte er zwei Kinder, Leo und Edith. Diese beiden leben heute
in Deutschland. Ihre Kindheit in Litauen verbrachten sie nach dem Tod ihrer Mutter bei unterschiedlichen Verwandten. Mit diesen
siedelten sie dann auch Anfang der 40er Jahre aus Litauen aus.
1948 heiratete Walfried Else (geb. Fuchs) und wanderte mit ihr nach Chicago (USA) aus. Mit Else
hatte er eine Tochter, Helga.
Gregor (
) gründete eine Fliegerschule bei Nida in Litauen und war später Fliegeroffozier im Krieg.
Gegen Ende des Krieges ging er mit seiner Familie nach Deutschland und wanderte später nach Amerika, L.A., aus. Seine
Familie lebt heute im Raum L.A. und in Vancouver, Kanada.
Während unseres Besuches in Litauen waren wir auch in Nida und besichtigten die Überreste der
Fliegerschule.
Vera (
) wanderte nach Amerika nach Chigaco aus. Später siedelte sie aus Gesundheitlichen Gründen nach Florida um. Sie hatte vier
Kinder: Leo, Danguole (Maria), Erikas (Erich) und Birute (Julija). Leo wanderte nach Australien aus, der Rest der Familie lebt
heute im Südostküste der USA.